Gedanke · Essay

Was du wirklich, wirklich willst

Wie New Work Frithjof Bergmanns Frage tilgte. Und warum die Multikrise sie zurückbringt.


Ich erlebte Frithjof Bergmann einmal live, auf der New Work Experience 2017 in Hamburg. Er war damals ein hochbetagter Mann, wurde im Rollstuhl auf die Bühne geschoben und erzählte seine Lebensgeschichte. Nicht die glatte Erfolgsgeschichte, sondern die widersprüchliche: von seiner Arbeit in Detroit und Flint mit Menschen, die vom Strukturwandel und Arbeitsplatzverlust betroffen waren, und von seinem jahrzehntelangen Versuch, eine radikal andere Vorstellung von Arbeit verständlich zu machen. Am Ende erhob sich der volle Saal zu Standing Ovations. Es war einer dieser seltenen Momente, in denen ein Mensch am Ende seines Lebens eine Anerkennung erfährt, die ihm viele gönnen.

Was mir an diesem Moment nachging, war eine Doppelbewegung. Der Saal feierte einen Mann, dessen Kernbotschaft er über Jahrzehnte nicht gehört hatte.

Der Mann und die Frage

Bergmann war Philosoph, geboren 1930 in Sachsen, aufgewachsen im Salzkammergut, 1949 in die USA emigriert, später Professor an der University of Michigan. Sein Hauptthema war nicht Arbeit im ökonomischen Sinn, sondern die Frage, was ein Menschenleben trägt. Aus dieser Frage heraus entwickelte er das, was er selbst New Work nannte, lange bevor der Begriff in der deutschsprachigen Managementszene ankam.

Bergmanns New Work war eine Antwort auf die Deindustrialisierung. Er arbeitete in Detroit und Flint, in Städten, in denen ganze Belegschaften ihre Arbeit verloren hatten. Seine Diagnose war, dass es zu wenig hilft, diese Menschen umzuschulen für eine Lohnarbeit, die es nicht mehr gab. Seine Alternative war das Zentrum für Neue Arbeit, ein Ort, an dem Menschen zusammenkamen, um eine andere Frage zu bearbeiten. Was willst du wirklich, wirklich? Nicht was solltest du wollen, um in diesem Wirtschaftssystem zu funktionieren. Sondern was, wenn niemand dir sagt, was du wollen sollst, willst du eigentlich?

Was willst du wirklich, wirklich?

Diese Frage war die eigentliche Provokation. Sie unterstellt, dass die meisten Menschen sie nicht spontan beantworten können. Dass Jahrzehnte in fremdbestimmter Arbeit die Fähigkeit, diese Frage zu stellen, verschütten. Und dass es deshalb Räume geben muss, in denen Menschen wieder lernen, sie zu stellen und für sich zu beantworten.

Bergmanns Vision einer neuen Arbeitswelt war deshalb keine Verbesserung des Büros. Sie war eine radikale Neuverteilung dessen, was Arbeit heißt. Sein Modell teilte das Leben in drei Teile. Ein Drittel Lohnarbeit für den Broterwerb. Ein Drittel Selbstversorgung mit modernen Werkzeugen, was er High-Tech Self-Providing nannte. Ein Drittel für das, was ein Mensch wirklich, wirklich tun will. Die zentrale Bewegung war die Reduktion der Lohnarbeit, nicht ihre Optimierung.

Wer das nüchtern liest, sieht, dass Bergmann nicht das Arbeitsleben angenehmer machen wollte. Er wollte es kleiner machen, um Platz für etwas anderes zu schaffen. Das war eine kapitalismuskritische, existenzphilosophische Position mit praktischen Konsequenzen. Sie hatte nichts mit dem zu tun, was in den 2010er Jahren unter dem Etikett New Work in Deutschland ankam.

Was aus New Work wurde

Die deutsche Rezeption von New Work seit ungefähr 2015 hat Bergmanns Frage systematisch aus dem Konzept entfernt und den Namen übrig gelassen. Was blieb, war eine Sammlung von Instrumenten und Ästhetiken, die alle die Oberfläche der Arbeitswelt betrafen, die Grundlagen aber unangetastet ließen. Obstkörbe. Purpose-Workshops. Holacracy-Experimente. Tischkicker. Schöne Büros. Feelgood-Manager. Duz-Kultur. Agile-Zertifikate.

All das sind reale Verbesserungen, in bestimmten Kontexten sogar wichtige. Nichts davon berührt die Frage, die Bergmann gestellt hatte. Nichts davon fragt, was ein Mensch wirklich, wirklich will. Alle diese Instrumente arbeiten mit der Annahme, dass Menschen in ihrer bestehenden Erwerbsarbeit bleiben und diese Arbeit angenehmer werden soll. Die Grundfesten des Arbeitsverhältnisses, die Verteilung von Zeit und Sinn, die Zurechnung von Wertschöpfung, das Verhältnis von Bezahlung und Wollen bleiben unberührt.

In der Sprache eines früheren Beitrags dieser Kategorie ist das eine Single-Loop-Bewegung mit Transformationsmarketing. Prozesse werden verbessert. Das System, in dem sie stattfinden, bleibt.

New Work sprach vom Menschen und meinte den Mitarbeiter.

Bergmann sprach vom Menschen und meinte den Menschen. Das ist der Unterschied, den die deutsche Rezeption stillschweigend getilgt hat.

Wo die Chance liegt

Der wirtschaftliche Abschwung, die geopolitische Unsicherheit, die KI-Transformation und der Rückzug aus der Homeoffice-Ära treiben in vielen großen Organisationen eine Rezentralisierung. Mehr zentrale Steuerung. Mehr Überwachung. Weniger Vertrauen. Weniger Raum für Querdenken. Weniger Räume, in denen andere Fragen gestellt werden können als die operative des nächsten Quartals. Das Pendel schlägt zurück.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass in derselben Bewegung eine Frage lauter wird, die lange verdrängt war. Was wird aus den Menschen, deren Arbeit KI übernimmt? Was wird aus jenen, die in Rezessionen ihre Stellen verlieren und keine gleichwertigen zurückbekommen? Und weiter unten, unter diesen Fragen, die alte Bergmann-Frage. Was, wenn Erwerbsarbeit für immer mehr Menschen nicht mehr die zentrale Sinngröße sein kann? Was, wenn wir umlernen müssen, was ein sinnvolles Leben ist, weil das System, das den Sinn bisher über Erwerbsarbeit vermittelt hat, nicht mehr für alle trägt?

Genau hier taucht Bergmanns Frage aus der Versenkung wieder auf. Die Debatte über das bedingungslose Grundeinkommen bekommt in diesem Kontext eine neue Dringlichkeit. Sie war lange eine akademische, gelegentlich eine libertäre, gelegentlich eine sozialdemokratische Diskussion. Sie wird jetzt eine praktische.

Ich bin kein Anhänger des bedingungslosen Grundeinkommens im engen Sinn des Wortes. Meine Vorbehalte sind nicht die üblichen ökonomischen. Sie sind existentiell. Ein Grundeinkommen, das an keine Bedingung geknüpft ist und für nichts steht außer der Absicherung des Konsums, überlässt die Menschen einer Situation, in der Bergmanns Frage zwar theoretisch möglich, praktisch aber selten gestellt wird. Wer sein Leben lang gelernt hat, in fremdbestimmter Arbeit zu funktionieren, entdeckt nicht automatisch, was er wirklich, wirklich will, wenn plötzlich der Zwang zur Erwerbsarbeit reduziert wird. Er entdeckt oft eher, was die Umgebung ihm als Ersatz anbietet, meistens Konsum und Ablenkung.

Der ehrlichere Vorschlag wäre ein Grundeinkommen mit einer einzigen Bedingung. Ich weiß, wie das klingt. Bedingungslos und doch mit Bedingung ist ein Widerspruch, und wer ihn mir vorhält, hat auf der Ebene des Wortes recht. Auf der Ebene der Sache meine ich es trotzdem, weil die Bedingung, um die es mir geht, von anderer Art ist als alles, was wir aus dem Sozialsystem kennen. Nicht der Bedingung, sich für Arbeitsmarktmaßnahmen zur Verfügung zu halten. Nicht der Bedingung, sich weiterzubilden im Sinn von Zertifikaten. Sondern der Bedingung, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, was durch einen zur Entfaltung kommen möchte. Was wirklich, wirklich in einem steckt und rauskommen will.

Diese Bedingung ist keine kontrollierbare Bedingung im administrativen Sinn. Sie ist eine Einladung, die eine Struktur bekommt. Wer sie in einen Behördenprozess presst, hat sie schon verraten. Wer sie ganz weglässt, verpasst die Chance, aus einer Sozialleistung eine Kulturbewegung zu machen. Der schmale Grat dazwischen ist die eigentliche Gestaltungsaufgabe.

Nicht alle werden sich mit dieser Frage leicht tun. Manche werden Jahre brauchen, um überhaupt anzufangen. Viele werden erst durch Verlust hindurch müssen, um sich der Frage zu stellen. Und wer sie einmal für sich beantwortet hat, hat keine endgültige Antwort für das ganze Leben. Die Antwort ändert sich, weil ein Mensch sich ändert. Was mit Anfang dreißig als das Wirklich-Wirklich-Wollen erscheint, ist mit Anfang fünfzig manchmal weit weg. Sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ist deshalb keine Aufgabe, die man abhaken kann. Sie ist eine Praxis, die das Leben durchzieht, ähnlich dem lebenslangen Lernen.

Neue Zentren

Genau hier liegt eine Chance, die Bergmanns ursprüngliche Vision neu aufgreifen kann. Wenn Menschen Zeit haben, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, brauchen sie Räume, in denen das möglich ist. Kein Coaching-Angebot im therapeutischen Sinn. Keine Karriereberatung im Sinn der Arbeitsagentur. Sondern das, was Bergmann Zentrum für Neue Arbeit nannte. Orte, an denen Menschen gemeinsam die Frage bearbeiten können, die im Alltag verdrängt ist. Mit Zeit. Mit Anleitung, aber ohne Programm. Mit einer Praxis, aber ohne Zwang.

Solche Räume gibt es bislang kaum. Was fehlt, ist fast alles: die Form, die Skalierung, die Anerkennung als gesellschaftliche Infrastruktur und eine Finanzierung, die sie flächig verfügbar macht, statt sie einem kleinen Kreis vorzubehalten.

Wenn die Grundeinkommensdebatte in den nächsten Jahren strukturell wird, wenn also nicht mehr die Frage lautet, ob wir eine Grundabsicherung brauchen, sondern welche Form sie annimmt, dann liegt in dieser Umformulierung eine echte Gestaltungsaufgabe. Die Frage ist nicht, wie viel Geld wir Menschen geben, deren Arbeit verschwindet. Die Frage ist, welche Infrastruktur wir schaffen, damit sie mit dieser Verschiebung eine sinnvolle Antwort für sich finden können. Bergmanns Zentrum für Neue Arbeit wäre in dieser Debatte ein Baustein.

Zurück auf die Bühne

Ich weiß nicht, ob wir diese Chance ergreifen werden. Die politische Bewegung geht aktuell in eine andere Richtung. Zentralisierung, Kontrolle, Absicherung des Bestehenden. Der wirtschaftliche Druck bringt viele Organisationen zurück in Reflexe, die sie längst überwunden geglaubt hatten. Und die New-Work-Szene, die den Namen Bergmanns trägt, ohne ihn wirklich verstanden zu haben, hat sich in vielen Fällen mit dem Kicker im Foyer zufriedengegeben.

Aber die Frage wird lauter. Sie wird lauter durch KI, die sichtbar macht, wie viel Erwerbsarbeit standardisierbar war. Sie wird lauter durch Rezessionen, die immer mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt drängen, ohne dass sie zurückfinden. Sie wird lauter durch die stille Krise vieler Menschen, die noch arbeiten und trotzdem spüren, dass die Arbeit nicht das ist, was ihr Leben tragen kann.

An diesem Punkt lohnt es sich, an den alten Mann im Rollstuhl auf der Bühne in Hamburg zurückzudenken. Der Saal, der ihn feierte, ist derselbe, der seine Frage jahrzehntelang übergangen hat. Vielleicht ist das der Anfang einer echten Aufmerksamkeit. Vielleicht ist die Standing Ovation nicht der Höhepunkt einer Karriere, sondern der Auftakt einer Bewegung, die endlich hören lernt, was er sagen wollte.

Was du wirklich, wirklich willst, ist keine Konsumfrage. Sie ist die Frage danach, wozu du auf der Welt bist, für welche kleine Zeit auch immer. Bergmann hat sie ein Leben lang gestellt. Wir sind jetzt vielleicht so weit, sie ernst zu nehmen.